Viele Orte und Inhalte kunstpädagogischer Arbeit sind von kolonialen Machtverhältnissen geprägt. Was für mitteleuropäisch sozialisierte Akteur*innen auf dem Feld zum erlernten Wissen und damit zum vermeintlichen Status Quo zählt, muss angesichts der in der Vergangenheit und Gegenwart wirksamen kolonialen Gewalt, Unterdrückung und Zerstörung grundlegend in Frage gestellt werden.
Im Seminar wagen wir den Versuch, koloniale Strukturen im eigenen Denken und Handeln, in musealen Räumen und in der kunstpädagogischen Arbeit zu erkennen und zu reflektieren. Der Schwerpunkt des Seminars liegt dabei jedoch nicht auf der Theorie, sondern auf der Praxis. Es geht darum, den Blick zu wenden: auf eigenes ‚Wissen‘, Vorurteile und blinde Flecken; und auf Orte, Menschen und Kunstwerke, die über Jahrhunderte strukturell unterdrückt und in die Unsichtbarkeit verdrängt wurden. „Dekolonisieren heißt wieder sehen lernen – auf eine transversale und intersektionale Art und Weise, um die Welt, in der wir uns entwickeln und die von menschlichen Wesen wie auch wirtschaftlichen und politischen Regimen hergestellt wird, zu de-naturalisieren. Dekolonisieren heißt lernen, alle Teile wie ein Puzzle auszubreiten und die Beziehungen, Kreisläufe und Überschneidungen zu untersuchen.“ (Vergès 2023, 338) Dies erfordert nicht nur ein unlearning, ein „Ver-lernen mächtigen Wissens“ (Sternfeld 2014, 9), sondern auch ein undoing (Gabi Ngcobo), um koloniale Verhältnisse zu verändern. Das mit kunstpädagogischen Strategien zu versuchen, ist Ziel des Seminars.
Für uns als Gruppe (hier schließe ich mich als Seminarleiterin ein) stellt das eine herausfordernde Aufgabe dar. Deshalb tasten wir uns gemeinsam in unserer direkten Umgebung vorwärts und nähern uns dem Thema, den unvermeidbaren Fallstricken und neuen, bereichernden Perspektiven zusammen an. Dafür besuchen wir auf Exkursionen Kunstmuseen, wo wir phasenweise vor Ort arbeiten. In Anlehnung an Carmen Mörschs Diskriminierungskritische Perspektiven an der Schnittstelle Bildung/Kunst gehen wir im Dreischritt vor, indem wir koloniale Strukturen zunächst „lesen lernen“, dann den Umgang damit „üben“, um schließlich die neu gewonnenen Erkenntnisse und Handlungsmacht in eigene kunstpädagogische Vermittlungssituationen zu „übertragen“ (vgl. diskrit-kubi.net).
Die Teilnahme am Seminar erfordert keinerlei Vorwissen. Erwünscht ist jedoch die vorherige Lektüre des online verfügbaren Textes Verlernen vermitteln von Nora Sternfeld (s. Literaturempfehlungen). Alle Studierenden aus den Studiengängen Kunst (Lehramt), M. Ed. Lehramt Kunst und M.A. Kunstwissenschaften sind herzlich willkommen.
Triggerwarnung: Im Seminar werden diskriminierende, rassistische Inhalte thematisiert.
Bitte melden Sie sich unter Angabe des Studiengangs für das Seminar an:
skaiser@burg-halle.de
Name der Lehrenden – Name of Teacher
Sarah Kaiser
Lernziel / Qualifikationsziele – Objectives / Learning Outcom
Kenntnis grundlegender historischer und aktueller fachdidaktischer Positionen sowie kunstpädagogischer Vermittlungsmodelle und -formate
Entwicklung grundlegender Fähigkeiten zur kooperativen Entwicklung, Planung, Erprobung und Reflexion von Vermittlungssituationen unter Berücksichtigung der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen und von schulstufen- und schulformspezifischen Besonderheiten
Bildung einer kritisch-reflexiven Grundhaltung gegenüber wissenschaftlichen Thesen und fachspezifischen Theorien
Fähigkeit, das kulturelle, gesellschaftliche und politische Diskursfeld, in dem sich die Inhalte bewegen, zu reflektieren
Erlernen eines teamorientierten und projektbasierten Vorgehens
Veranstaltungsart und –methodik – Teaching and working methods
Seminar
Beurteilung – Assessment
Studierende Kunst (Lehramt) (WK-FD3): Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation) oder / und Modulprüfung (unbenotete Präsentation + benotete mündliche Prüfung).
Studierende M.A. Lehramt Kunst (Fachdidaktik 3): Teilnahmeschein (unbenotete Präsentation)
Studierende des MA Kunstwissenschaften bei Modul 2: Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation), Studierende des MA Kunstwissenschaften bei Modul 3: Teilmodulleistung (unbenotete Präsentation)
Literatur und Vorbereitungsempfehlung
Baghdadi, Tasnim (2023): Dismantling the Canon. Moderne Kunstmuseen und koloniale Vergangenheit. In: María do Mar Castro Varela; Leila Haghighat (Hg.): Double Bind postcolonial. Kritische Perspektiven auf Kunst und Kulturelle Bildung. Bielefeld. S. 293-311.
Castro Varela, María do Mar; Dhawan, Nikita (2020): Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. 3. Auflage. Bielefeld.
Césaire, Aimé (2017): Über den Kolonialismus. Berlin.
Diallo, Aïcha; Niemann, Annika; Shabafrouz, Miriam (2021/2022) (Hg.): Untie to tie. Koloniale Fragmente im Kontext Schule. Colonial fragments in school contexts. Bonn.
Heinemann, Alisha M.B., Castro Varela, María do Mar (2016): Ambivalente Erbschaften. Verlernen erlernen!. In: trafo K. (Hg.): Zwischenräume #10. Wien. S. 1-6, URL: https://www.trafo-k.at/_media/download/Zwischenraeume_10_Castro-Heinemann.pdf (Stand: 27.02.2025).
https://diskrit-kubi.net/ (Stand: 27.02.2025)
hooks, bell (2023): Die Welt verändern lernen. Bildung als Praxis der Freiheit. Münster.
Landkammer, Nora; Mörsch, Carmen (2021): Coloniality and Education in Museums. URL: www.talkingobjectslab.org (Stand: 27.02.2025)
Mörsch, Carmen (2018): Critical Diversity Literacy an der Schnittstelle Bildung/Kunst: Einblicke in die immerwährende Werkstatt eines diskriminierungskritischen Curriculums. In: KULTURELLE BILDUNG ONLINE. URL: https://www.kubi-online.de/artikel/critical-diversity-literacy-schnittstelle-bildung-kunst-einblicke-immerwaehrende-werkstatt (Stand: 27.02.2025).
Sternfeld, Nora (2014): Verlernen vermitteln. In: Andrea Sabisch, Torsten Meyer, Eva Sturm (Hg.): Kunstpädagogische Positionen 30. Köln. URL: https://kunst.uni-koeln.de/_kpp_daten/pdf/KPP30_Sternfeld.pdf (Stand: 27.02.2025).
Vergès, Françoise (2023): Die Künste dekolonisieren! Ein langer, schwieriger und leidenschaftlicher Kampf!. In: Julian Sverre Bauer; Maja Figge; Lisa Großmann; Lukatsch, Wilma (Hg.): Dekoloniales Verlernen im Kontext der Kunstuniversität. URL: https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/13/50/ce/oa97838394577264O1VutGKmXTg5.pdf (Stand: 27.02.2025)
BURG Box und Semesterapparat folgen.
Verwendbarkeit
Kunst (Lehramt): Fachdidaktik 3 (WK-FD 3)
M.A. Lehramt Kunst: Fachdidaktik 3
M.A. Kunstwissenschaften: Modul 2 oder Modul 3
Zugangsvoraussetzung - Prerequisites
Kunst (Lehramt) und MA Lehramt Kunst: Zum Ablegen der Modulprüfung Fachdidaktik 3 muss das Modul Fachdidaktik 1 abgeschlossen sein (Hausarbeit).
Umfang in SWS
2
Häufigkeit, Dauer und Termine / Ort des Angebots
Montag, 14.15 – 15.45 Uhr
Materialsammlung (Neuwerk, BURG Bibliothek, 1. OG)
Beginn
07.04.2025