Gestalten im Netzwerk - Netzwerk gestalten: designdate mit Carlo Frassoni (Mailand)

Gestalten im Netzwerk - Netzwerk gestalten: designdate mit Carlo Frassoni (Mailand)
„Gestalten im Netzwerk“ bedeutet, Designprozesse komplexer zu begreifen: kollaborativ, interdisziplinär, kontextsensibel. Designer*innen agieren als Knotenpunkte, die Informationen bündeln, Perspektiven verbinden und neue Lösungen in fluide Systeme einbringen. Gleichzeitig gilt es aber auch „Netzwerk gestalten“ , also die Strukturen selbst mitdenken und mitformen, in denen Gestaltung stattfindet. Wer gestaltet, beeinflusst nicht nur Dinge, sondern auch Beziehungen, Kommunikationswege, Produktionsketten, soziale Dynamiken.
Mit Gedanken dieser Art gründete sich bereits vor 25 Jahren eine Zusammenarbeit zwischen Carlo Frassoni und dem Fachbereich Design der Burg. Mit einem experimentellen länderübergreifenden Projekt wurde im SS 1998 der Frage nachgegangen, ob man einen Kunden auch als Co-Designer gewinnen könnte. Damit befassten sich Studierende der Klasse für Innenarchitektur und Ausbaukonstruktion (Axel Müller-Schöll) in Zusammenarbeit mit den Deutschen Werkstätten Hellerau und dem Progetto Lissone. Frassoni war dabei einer der Initiatoren in Lissone, das im Speckgürtel von Mailand einen Handwerkerverbund mit mehr als 400 (!) kleinen Schreinereien organisiert hatte, um sich gegenseitig dabei zu unterstützen, Aufträge in jeder Größe annehmen zu können.
Das Projekt „Progetti quasi finiti“1 wurde im Aries Verlag publiziert, mitgewirkt daran hatten Partner, die bis heute mit der BURG zusammenarbeiten – Kai Loges als Fotodesigner, aber auch Mathias Brockhaus (damals KüMi) und Martin Büdel (als Studierender). Seither ist viel Wasser die Saale hinabgeflossen – die Fotografie ist digitalisiert, das Internet bietet unmittelbaren Zugriff auf Informationen aller Art, Soziale Netzwerke machen Vereinen und Fachzeitschriften lebhafte Konkurrenz und Heimwerkermärkte verschaffen überall ungebremsten Zugriff auf Werkzeug und Material.
Was hat sich verändert? Lässt sich die Idee partizipativen Projektierens mit den entstandenen Möglichkeiten leichter umsetzen? Oder hat sich die Idee verwirkt, weil sich jeder ein eigenes Netzwerk zugelegt hat? Was für Lehren haben die damals Beteiligten aus den Erkenntnissen des damaligen Projektes gezogen und wie setzen sie es heute um.
Dies diskutieren Carlo Frassoni, der von seiner Tochter Claudia Frassoni (Architektin) übersetzt wird, Axel Müller-Schöll und Martin Büdel mit interessieren Gästen, die zu diesem Designdate an diesem Abend ins Designhaus eingeladen sind.
1 Die Struktur des Projektes sah folgende Konstellation vor: Die Teilnehmergruppe umfasste 16 Personen – acht davon Studierende der BURG, vier Schreiner der Deutschen Werkstätten Hellerau, die sich dort auf ihre Meisterprüfung vorbereiteten (die DWH übernahmen zu dieser Zeit für die Handwerkskammer die berufsschulische Ausbildung angehender Gesellen und Meister), sowie vier junge Tischler, die dem Progetto Lissone angehörten. Die Familie von Frassoni betrieb damals dort eine Schreinerei, er arbeitete als Innenarchitekt und Designer und setzte sich für die Vernetzung der Marktpartner ein. Unterstützt wurde dieses binationale Forschungsprojekt vom Beschlaghersteller Häfele und der Fachzeitschrift dds – Möbel+Ausbau.